Radikalisierung erkennen & begegnen!
Handlungskompetenz für die Bildungsarbeit
INHALT
Extremistische Strömungen sind in den vergangenen Jahren im öffentlichen Raum, in sozialen Medien und zunehmend auch in Bildungseinrichtungen sichtbarer geworden. Pädagogische Fachkräfte stehen dabei vor der Herausforderung, demokratiefeindliche Äußerungen, Provokationen oder verändertes Verhalten junger Menschen einzuordnen und angemessen darauf zu reagieren. Gerade wenn religiöse, politische oder identitätsbezogene Aspekte berührt sind, erfordert dies fachliche Sicherheit, Reflexionsfähigkeit und ein hohes Maß an Sensibilität. Der Fachtag greift diese Herausforderungen auf und setzt den Fokus auf die Stärkung von Handlungskompetenz, fachlichem Wissen und interdisziplinärer Vernetzung.
Die Teilnehmenden erhalten fachliche Impulse aus den Bereichen (Sozial-)Pädagogik, politische Bildung, Staatsschutz, Opferschutz und Kriminologie. Den inhaltlichen Höhepunkt bildet die Keynote von Prof. Dr. Hans-Jürgen Kerner, einem renommierten Kriminologen, der wissenschaftlich fundierte Perspektiven auf Extremismus und Radikalisierung eröffnet und praxisnahe Impulse für die (Bildungs-)Arbeit mit jungen Menschen gibt. Im Anschluss an die Keynote vertiefen Fach-Inputs, ein moderiertes Expert*innen-Gespräch sowie verschiedene thematische Foren zentrale Fragestellungen der Präventions- und Bildungsarbeit. Diese bieten Raum für Diskussion, Erfahrungsaustausch und Vernetzung zwischen den beteiligten Professionen und Institutionen.
Der Fachtag knüpft inhaltlich an den berufsbegleitenden Weiterbildungslehrgang „Extremismus und Radikalisierung – Handlungskompetenz für die Bildungsarbeit mit jungen Menschen“ an, der 2021 deutschlandweit erstmalig als Kontaktstudium erfolgreich umgesetzt wurde. Das dreimonatige, modular aufgebaute Qualifizierungsangebot richtet sich an Fachkräfte aus unterschiedlichen – vornehmlich (sozial)pädagogischen – Berufsfeldern, für die das Themenfeld Extremismus im beruflichen Alltag eine hohe Relevanz besitzt. Entwickelt wurde es als Antwort auf bestehende Lücken in der Fortbildungslandschaft: Einerseits werden komplexe Dynamiken von Radikalisierung in eintägigen Fortbildungen oft nur unzureichend abgebildet, andererseits greifen stark berufsgruppenspezifische Angebote zu kurz, wenn es um interdisziplinäre Fragestellungen geht.
PROGRAMM
Programm des Fachtages
14:00 Uhr
Eröffnung des Fachtages
Prof. Dr. Karin Vach – Rektorin der PH Heidelberg
Stefanie Jansen – Bürgermeisterin der Stadt Heidelberg
Prof. Dr. Havva Engin – PH Heidelberg
14:30 – 15:30 Uhr
Input I
„Kriminalitätslage und Sicherheitsempfinden – deren mediale Spiegelungen und Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts“
Prof. Dr. Hans-Jürgen Kerner
Pause
15:45 – 16:00 Uhr
Input II
„KI und der Wandel in der Radikalisierung“
Karl Appel
16:00 – 17:00 Uhr
Podiumsgespräch
„Gesellschaftliche Radikalisierungsprozesse – eine mehrperspektivische Analyse“
Podiumsdiskutant*innen: Derya Şahan, Karl Appel, Prof. Dr. Hans-Jürgen Kerner
Moderation: Dzeneta Isakovic
17:00 – 17:15 Uhr
Pause
17:15 – 18:15 Uhr
Foren
Forum 1:
Männlichkeitsbilder & Extremismus – Praktische Zugänge für die Bildungsarbeit mit jungen Menschen
Leitung: Dzeneta Isakovic
Referent: Joel Wardenga (LAG Jungenarbeit)
Forum 2:
Desinformation und Verschwörungsnarrative und ihr Einfluss auf Radikalisierungsprozesse junger Menschen
Leitung: Prof. Dr. Havva Engin
Referentin: Jana Aslan-Moor (Mosaik Deutschland e. V.)
Forum 3:
Präventionsnetzwerke – Chancen nutzen
Leitung: Günther Bubenitschek
Referentin: Tanja Kramper
Forum 4:
Rechtliche Rahmenbedingungen pädagogischer Handlungsfelder
Leitung: Karl Appel
Referent: Jochen Link
Information, Austausch, Diskussion und Netzwerken
Mit: Weißer Ring, Prävention Rhein-Neckar, Mosaik Deutschland e. V., LAG Jungenarbeit
18:15 – 19:00 Uhr
Zusammenführung und Abschluss
Karl Appel, Dzeneta Isakovic, Prof. Dr. Havva Engin
Anschließendes Get-together
REFERENT*INNEN
Günther Bubenitschek ist der Landespräventionsbeauftragte für Baden-Württemberg im bundesweit tätigen Opferhilfeverein WEISSER RING e.V. Er ist Erster Kriminalhauptkommissar a.D., Referent für Mediensicherheit und Medienbildung sowie Zivilcouragetrainer. Er arbeitete bis 2020 als polizeilicher Experte im Forschungsprojekt www.zivile-helden.de beim Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes – ProPK. Günther Bubenitschek engagiert sich weiterhin auch als Referent an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und an der Akademie des WEISSEN RINGS. Zudem ist er Ersthelfer für psychische Gesundheit (MHFA). Er ist eine der KonzeptentwicklerInnen des Kontaktstudiums „Extremismus und Radikalisierung: Handlungskompetenz für die Bildungsarbeit mit jungen Menschen“.
Karl Appel arbeitet beim Polizeipräsidium Mannheim im Aufgabenbereich des kriminalpolizeilichen Staatsschutzes. Seine Zuständigkeit umfasst eine phänomen -und deliktübergreifende Bearbeitung von Radikalisierungsfällen und schweren staatsgefährdende Straftaten. Er stellt behördenübergreifend Radikalisierungsfälle zu Schulungszwecken vor und berät Behörden und Institutionen in Fällen notwendiger Intervention aus externer Position und/oder auch durch eine operative Übernahme. Karl Appel hat 40 Jahre Arbeitserfahrung als kriminalpolizeilicher Ermittler und Analyst. Er ist eine der KonzeptentwicklerInnen des Kontaktstudiums „Extremismus und Radikalisierung: Handlungskompetenz für die Bildungsarbeit mit jungen Menschen“.
Prof. em. Dr. iur. Hans-Jürgen Kerner ist Jurist und Kriminologe. Er studierte Rechtswissenschaften in München, Berlin und Tübingen und legte 1967/1972 die beiden juristischen Staatsexamina ab. 1973 promovierte er zum Dr. iur., 1975 habilitierte er sich in Kriminologie, Jugendstrafrecht, Strafvollzug und Strafprozessrecht. Kerner war Ordinarius für Kriminologie an den Universitäten Hamburg, Heidelberg und Tübingen sowie Direktor der jeweiligen Institute für Kriminologie. Von 2011 bis 2019 war er Seniorprofessor an der Universität Tübingen, seitdem ist er Professor Emeritus. Er wirkte u. a. als Richter am Hanseatischen Oberlandesgericht und war Mitglied von Forschungsgruppen des Europarats. Kerner ist Ehrenpräsident der Internationalen Gesellschaft für Kriminologie und Vorsitzender der Deutschen Stiftung für Verbrechensverhütung und Straffälligenhilfe. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in Kriminalprävention, Jugendkriminalität und Kriminalpolitik.
Tanja Kramper arbeitet als Kriminalhauptkommissarin im Polizeipräsidium Mannheim. Nach verschiedenen Verwendungen innerhalb der Kriminalpolizei, kam 2011 der Wechsel zum Referat Prävention. Als Opferschutzkoordinatorin des Polizeipräsidiums Mannheim, dessen Zuständigkeit auf die Städte Heidelberg und Mannheim sowie auf den gesamten Rhein-Neckar-Kreis erstreckt, organisiert sie den fachlichen Austausch im Netzwerk und ist ständig ansprechbar. 2017 wurde Tanja Kramper als ehrenamtliche Geschäftsführerin des Präventionsvereins Kommunale Kriminalprävention Rhein-Neckar e.V. bestellt. In diesem Verein sind neben vielen engagierten Netzwerker*innen auch alle Städte und Gemeinden vertreten. Der Verein bildet das Rückgrat der gemeinwesenorientierten Kriminalprävention. Er arbeitet eng mit den Partnervereinen in Heidelberg und Mannheim zusammen.
Jochen Link ist Rechtsanwalt und Mediator. Nach einer wissenschaftlichen Weiterbildung im Bereich „Friedens- und Konfliktforschung“ am Institut für Frieden und Demokratie der Fernuniversität Hagen vertiefte er ethische Fragestellungen in einem an der Universität Freiburg abgeschlossenen Studium der Philosophie. Link beschäftigt sich mit Gerechtigkeitsfragen und dem Thema der Wahrheitsfindung aus juristischer und ethischer Perspektive und unterrichtet sowohl Recht als auch Ethik u.a. an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und am Schwarzwald-Baar-Klinikum Villingen-Schwenningen. Beim WEISSEN RING ist eines seiner Schwerpunktthemen die Vermeidung und Eindämmung von Hass und Hetze in der Gesellschaft. Er leitet die Außenstelle Schwarzwald-Baar-Kreis des WEISSEN RINGS e.V. und ist Referent an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg
Derya Şahan hat Islamwissenschaft und Religionswissenschaft studiert und ist in der Extremismusprävention und Demokratieförderung tätig. Sie arbeitet im Demokratiezentrum Baden-Württemberg bei der Fachstelle Extremismusdistanzierung (FEX). Dort übernimmt sie leitende und fachliche Aufgaben und beschäftigt sich insbesondere mit politischem und religiös motiviertem Extremismus, Distanzierungsarbeit, Menschenrechtsbildung sowie der Unterstützung von Fachkräften und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen. Neben ihrer Tätigkeit bei der FEX engagiert sich Derya Şahan öffentlich, unter anderem als Mitglied des SWR-Rundfunkrats. Sie tritt regelmäßig als Referentin bei Fachveranstaltungen, Tagungen und Fortbildungen auf und bringt ihre Expertise zu Themen wie Muslimfeindlichkeit, Alltagsrassismus und pluraler Gesellschaft in den öffentlichen Diskurs ein.
Joel Wardenga ist Philosoph und als politischer Bildner in der diskriminierungssensiblen Jugend- und Erwachsenenbildung tätig. Er arbeitet als Bildungsreferent für Jungenarbeit bei der LAG Jungen- & Männerarbeit e.V. und dem Projekt "Männlichkeiten 2.1", das kritisch untersucht, was Männlichkeit in der Gesellschaft, in Institutionen, im Beruf und im persönlichen Leben bedeutet. Ziel seiner Arbeit ist es, Jungen und Männern* dabei zu unterstützen, aus der männlichen Zwickmühle der Gefühlsabwehr auszusteigen und ihr Leben auf individuelle Weise lebendig und geschlechtergerecht zu gestalten.
Jana Aslan-Moor studierte Sozialpädagogik und ist seit 2021 bei Mosaik Deutschland e.V. im Bereich Prävention Hassgewalt tätig. Hier verantwortet sie das Projekt „Lasst die Bubble platzen! Miteinander kontrovers im Dialog“. Zuvor sammelte sie bei anderen Trägern als pädagogische Mitarbeiterin Erfahrungen in der Extremismusprävention und Deradikalisierungsarbeit und arbeitete außerdem in klassischen Bereichen der Sozialen Arbeit, etwa in der Stärkung von gewaltbetroffenen Frauen und deren Kindern sowie in der Jugendarbeit an Berufsschulen.
VERANSTALTUNGSLEITUNG UND MODERATION
Gesamtveranstaltung: Prof. Dr. Havva Engin, Professorin für Allgemeine Pädagogik mit dem Schwerpunkt Interkulturelle Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und Leiterin des Heidelberger Zentrums für Migrationsforschung und Transkulturelle Pädagogik (Hei-MaT). Sie studierte Lehramt (Deutsch und Biologie) sowie Germanistik an der Technischen Universität Berlin und promovierte dort. Engin forscht zu Bildungsinstitutionen in migrationsgeprägten Gesellschaften, interkultureller und interreligiöser Erziehung, demokratischer Bildung, Mehrsprachigkeit sowie religiös begründetem Extremismus bei Jugendlichen. Engin ist Mitglied des Sachverständigenrats für Integration und Migration und war in verschiedenen bildungspolitischen Beiräten in Baden-Württemberg und Berlin tätig. Sie wissenschaftliche Leitung des Hochschulzertifikats „Extremismus und Radikalisierung: Handlungskompetenz für die Bildungsarbeit mit jungen Menschen“.
Podiumsdiskussion: Dženeta Isaković, Islamwissenschaftlerin (M.A.) und Politikwissenschaftlerin. Sie arbeitet seit 2018 bei Mosaik Deutschland e.V. und engagiert sich in der Muslimischen Akademie Heidelberg als Bildungsreferentin für die Themenfelder Demokratieförderung, Antidiskriminierung und Antirassismus. Sie ist Projektleitung des Themenbereichs Prävention von Extremismus und Hassgewalt. Dzeneta Isakovic ist eine der KonzeptentwicklerInnen des Kontaktstudiums „Extremismus und Radikalisierung: Handlungskompetenz für die Bildungsarbeit mit jungen Menschen“. Seit 2023 ist sie Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus.
VERANSTALTER
Die Veranstaltung ist eine Kooperation der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, der Muslimischen Akademie Heidelberg – Teilseiend e. V., Hei-MaT e. V., Mosaik Deutschland e. V., Weisser Ring e. V., SicherHeid e. V. sowie der Kommunalen Kriminalprävention Rhein-Neckar e. V.
Gefördert wird der Fachtag durch das Amt für Chancengleichheit der Stadt Heidelberg im Rahmen des Runden Tischs gegen Rassismus.